Quelle: lebensqualität 01/2009 (Die Zeitschrift für Kinaestethics)
Die Muße der Griechen
Als Topmanager beim weltgrößten Rohstoffhändler führte ihn seine Laufbahn nach Südafrika und Hongkong. Mit Mitte Dreißig war CEO und Präsident dieses Unternehmens in Korea. Da stieg er aus und wurde Reiki-Meister. Mit
sprach der weitgereiste Luzerner über Stress und Lebenssinn.
Lebensqualität: was bedeutet für dich persönlich Lebensqualität?
Rene Vögtli: Spontan, in zwei Worten: Zeit haben; das Leben so gestalten können, dass es Sinn macht, dass ich das Gefühl habe, ein anständiges Leben zu führen. Lebensqualität: was hat dich bewogen, den Job als Topmanager aufzugeben?
Vögtli: Ich hatte geplant, mit Mitte Dreißig auszustei¬gen. Es war mir wichtig, meine Karriere intensiv zu gestalten und rasch auf der Karriereleiter vorwärts zu kommen, um eine Spitzenposition zu erreichen - aber dann etwas völlig Neues beginnen. Diese Neuorientie¬rung war von Anfang an ein Teil meiner Vision, obwohl ich keine konkrete Vorstellung hatte, wohin es mich führen wird.
Rückblickend war die Karrierezeit eine wichtige Lebenserfahrung. Ich möchte keine Minute dieser hek¬tischen Zeit missen. Ich habe viel erlebt und gelernt - auch zum Thema Lebensqualität. Zum Beispiel fragt man sich als gestresster Manager ständig, wie man die permanente Spannung wieder abbauen kann, wie man es schafft, sich wieder zu entspannen? Meine Strategie gegen Stress war das Treffen von Freunden und sport¬liche Aktivitäten. Dann stellte ich fest, dass ich meine Ambitionen in den Sport getragen habe und auch dort ein Getriebener war.
Lebensqualität: wer hat eine höhere Lebensqualität: ein Topmanager oder ein Reiki-Meister?
Vögtli: Das kann ich nicht beantworten. Die Frage ist nicht, was jemand tut, sondern wie gern jemand etwas tut, ob er oder sie darin Erfüllung findet. Unter dem Strich geht es um die Essenz: Bin ich auf meinem Pfad? Lebe ich meine Berufung? Habe ich das Gefühl, dass ich eine anständige Sache mache?
Lebensqualität: wenn du dich in unserer Gesellschaft umschaust: Was sind die größten Störfaktoren für die Lebensqualität?
Vögtli: Ich sehe bei vielen Leuten eine große Angst: Zukunftsangst, Versagerängste. Ich glaube, diese Angst ist die Wurzel von dem, was die Leute davon abhält, Erfüllung und damit Lebensqualität zu finden.
Lebensqualität: Du verbringst einen Teil des Jahres auf der kleinen griechischen Insel Sikinos. Was können wir von den Sikinoten in Bezug auf Lebensqualität lernen?
Vögtli: Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist wie¬der „Zeit haben". Ich beobachte, dass diese Menschen, die viel langsamer leben, deshalb nicht ein weniger intensives Leben führen, als zum Beispiel die Leute, die ich in der Zürcher Bahnhofstraße sehe. Und ein zweiter Punkt ist, dass sie einen intensiven sozialen Zusammenhalt pflegen.
Letzte Woche hat sich ein Milliardär das Leben genom¬men, wahrscheinlich, weil er viel Geld verloren hat. Ich nehme an, dass der dem Geldverdienen eine immense Wichtigkeit beigemessen hat. Wahrscheinlich erhielt
er alljährlich Tausende von geschäftlichen Weihnachts¬karten, besitzt aber kein soziales Umfeld, das ihn in der Krise getragen hätte.
In Sikinos sitzen die alten Männer im Kafeneion zusam¬men und sprechen über ganz persönliche Dinge. Wenn im Radio ein altes Lied gespielt wird, sind alle still und hören zu. Anschließend sprechen sie über die Gefühle und die Erinnerungen, die dieses Lied in ihnen geweckt hat. Von dieser Qualität und von diesem Umgang mit Muße kann ich viel lernen.
Lebensqualität: Was ist Reiki?
Vögtli: (lachend) In Zeiten, in denen man es nicht schafft, die Lebensqualität aufrechtzuerhalten, ist Reiki ein Hilfsmittel. Man kann sich selbst behandeln, um Kraft zu tanken, Mut, Zuversicht und Trost zu finden. Seit 1992 unterrichte ich zusammen mit meiner Frau diese ganzheitliche Heilmethode in Norwegen, Spanien, Deutschland und der Schweiz.